Wie sichere ich meinen Lebensunterhalt als Konferenzdolmetscher? Teil 1 – Ausgab

Tageshonorare für Dolmetscheinsätze kalkulieren – Kostenermittlung statt Pi mal Daumen.


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Ausgaben – was wir bezahlen

Ein Selbständiger muss grob gesprochen pro Jahr folgende Betriebsausgaben bestreiten (Erfahrungswerte mehrerer analysierter Realfälle, 2010):

  • 10.000-12.000 € für die Altersvorsorge (wenn man einen Lebenspartner mitversorgt, das Doppelte),
  • 7.000-10.000 € für Versicherungsbeiträge (Krankenversicherung, Berufsunfähigkeit, Haftpflicht, evtl. Unfall, Rechtsschutz usw.),
  • 15.000-25.000 € für weitere auftragsunabhängige Betriebsausgaben (Büro, PC/Telefon, Software, Bücher, Fortbildungen, Verbandsbeiträge, Steuerberater, Werbung, PKW usw.).

Nach Abzug dieser Kosten vom Umsatz ergibt sich das zu versteuernde Einkommen, wobei Versicherungen und Altersvorsorge nur begrenzt abzugsfähig sind und teils den „privat veranlassten Kosten“ zugerechnet werden, die vom versteuerten Einkommen zu finanzieren sind. Zu den letzteren zählen weiterhin:

  • die Bildung von Vermögen bzw. Rücklagen für Krisen, Zahlungsausfälle usw. (hilfsweise mit 5.000 €, also etwa dem Äquivalent von zwei monatlichen Privatkonsumausgaben veranschlagt),
  • die privaten Konsumausgaben eines Haushaltes in Deutschland (Essen, Wohnen, Kleidung, Telekommunikation, Freizeit, Verkehr, Gesundheitspflege, Bildung, Gaststätten, Beherbergung. Diese lagen laut statistischem Bundesamt 2008 im Schnitt bei 26.940 € pro Jahr oder 2.245 € pro Monat (Singles 17.016 €/Jahr, Paarhaushalte mit Kind(ern) 36.204 €/Jahr).

Unterstellt man als Modellrechnung einen Jahresumsatz von 80.000-100.000 € und 30.000 € abzugsfähige Kosten (2.800 € abzugsfähige Krankenversicherung, 22.200 € auftragsunabhängige Betriebskosten, 5.000 € abzugsfähige Altersvorsorge), so ergeben sich 50.000-70.000 € zu versteuerndes Einkommen. Nach Abzug von Steuern inkl. Solidaritätszuschlag (13.553,58 € - 22.395,54 € alleinstehend) sowie weiteren 5.000 € nicht abzugsfähiger Altersvorsorge, 5000 € nicht absetzbarer Versicherungen und 5.000 € für Vermögens- und Rücklagenbildung bleibt ein vergleichbares Nettoeinkommen von 21.446-32.604 € für die privaten Konsumausgaben.

Achtung: Der Vergleich mit angestellten oder verbeamteten Kollegen funktioniert nur über das echte Nettoeinkommen, also das versteuerte Einkommen abzüglich der nicht abzugsfähigen Versicherungen, Vermögens- und Rücklagenbildung (wichtig, da keine Sicherheit durch Kündigungsschutz und Arbeitslosenversicherung) und sämtliche Ausgaben für Infrastruktur (Büro, IT etc.). Übrigens: Niedergelassene Ärzte erhielten 2010 im Durchschnitt ein Brutto-Honorar von 160.000 €, von dem die Praxiskosten bereits abgezogen sind. In der Gewinnermittlung des Steuerberaters für einen freiberuflichen Dolmetscher entspräche dies in etwa dem „betrieblichen Gewinn“.

Honorar und Zeit – was wir für unsere investierte Lebenszeit berechnen

Bei einer 40-Stunden-Woche mit fünf Wochen Urlaub und zwei Wochen Krankheit arbeitet man 1800 Stunden pro Jahr.

Etwa ein Drittel dieser gearbeiteten Stunden (600 pro Jahr) wird nicht direkt vom Kunden bezahlt, da diese für Verwaltung, Steuern, Werbung, Netzwerken, Fortbildung usw. verwendet werden (Zeiterfassungswerte mehrerer Realfälle, 2010).

So muss man also für jede vom Kunden bezahlte Stunde (1200 pro Jahr) 67‑84 € bekommen, um auf den in der Modellrechnung genannten Jahresumsatz zu kommen.

Bei einem Einsatz zu einem angenommenen Honorar von 750 € mit Arbeitszeiten von 9-16 Uhr, 2 Stunden Anreise und 4 Stunden Vorbereitung (insgesamt 13 Stunden) beträgt der Stundensatz 58 €. Im unwahrscheinlichen Fall eines Einsatzes ohne Vorbereitung wären es 83 €. Bei 5 Stunden Vorbereitung und einer Arbeitszeit bis 18 Uhr sind es 47 €. Um die oben errechnete Zielzahl zu erreichen, müssten für diesen Einsatz (bei 13 Stunden) 871-1.092 € in Rechnung gestellt werden.

Bei einem "nur" einstündigen Konsekutiveinsatz wendet man mit Standzeiten, An- und Abfahrt meist mindestens 4‑5 Stunden Zeit auf, zuzüglich der Vorbereitung und Abwicklung (Angebot, Beratung, Verhandlungen usw.). Wenn Vorbereitung und Abwicklung nicht mehr als fünf Stunden in Anspruch nehmen, erreicht man hier bei einem Tageshonorar von 880 € einen Stundensatz von 88 €.

Fazit: Gängige Tageshonorare für ganztägige Einsätze ermöglichen mitunter kein rentables Arbeiten. Konferenztage werden zudem immer länger und fachspezifischer und gleichzeitig nimmt die Anzahl der Tage pro Konferenz ab, d.h. pro Konferenztag wird der Vorbereitungsaufwand tendenziell deutlich höher.


Teil 2 – Praktische Anregungen aus der Arbeitsgruppe Rentabilität


Die Rentabilitäts-AG AIIC Deutschland wurde 2009 ins Leben gerufen. Derzeitige Mitglieder sind Julia Böhm, Angela Drösser, Angelika Eberhardt, Almute Löber, Oliver Pospiech, Anja Rütten und Klaus Ziegler. Wir würden uns freuen, den Erfahrungsaustausch mit Kollegen aus anderen Ländern ausweiten zu können. Wer Interesse hat, in unserem informellen Netzwerk mitzuwirken, einfach eine kurze Nachricht schicken (ruetten@sprachmanagement.net)!



Recommended citation format:
Oliver POSPIECH,Almute LÖBER,Angelika EBERHARDT,Anja RÜTTEN,Julia BÖHM,Klaus ZIEGLER,Angela DROSSER. "Wie sichere ich meinen Lebensunterhalt als Konferenzdolmetscher? Teil 1 – Ausgab". aiic-italia.it January 27, 2015. Accessed March 21, 2019. <http://aiic-italia.it/p/7127>.