Berlinale

Ohne Simultandolmetscher keine Berlinale

Über 220 Spielfilme werden dieses Jahr wieder auf der Berlinale von 9. bis 20. Februar 2000 gezeigt. Einige in deutscher Sprache, viele aber auch in Englisch, Französisch oder anderen Sprachen mit englischen Untertiteln. Trotzdem werden diese Filme von jedem Besucher verstanden. Wie ist das möglich?

Die Antwort ist einfach: Die Filme werden gedolmetscht. Konferenzdolmetscher aus einer Vielzahl von Ländern dolmetschen während der Berlinale rund um die Uhr im Wettbewerb und im Panorama. Die meisten von ihnen gehören der AIIC (Association Internationale des Interprètes de Confèrence) an, dem internationalen Verband der Konferenzdolmetscher, dessen Mitglieder wegen der strengen Aufnahmekriterien in den Verband als besonders kompetent und qualifiziert gelten. Ca. 200 Mitglieder hat die AIIC in Deutschland, weltweit sind es ca. 2.500.

Die Berlinale unterscheidet sich für Konferenzdolmetscher deutlich von der üblichen Arbeit auf Fachtagungen und bei internationalen Institutionen. Im Berufsalltag stellt Simultandolmetschen heutzutage den größten Teil der Arbeit eines Konferenzdolmetschers dar. Dabei sitzen Dolmetscher in schalldichten Kabinen, nehmen über Kopfhörer die Ausführungen des Redners auf und übersetzen sie gleichzeitig. Bei der Berlinale wird ebenfalls simultan gedolmetscht, zum Beispiel bei den Pressekonferenzen, Empfängen und ähnlichem.

Das Dolmetschen von Filmen ist zwar auch Simultandolmetschen, stellt aber eine besondere Herausforderung dar. Die Dolmetscher erhalten eine Kopie der Untertitel, meistens auf Englisch, (ohne jegliche Angabe darüber, wer spricht, wo die Aktion stattfindet usw.) und orientieren sich daran, um parallel zu den Untertiteln Filme zu dolmetschen. Wird z.B. ein vietnamesischer Film mit deutschen Untertiteln vorgeführt , sind die Dolmetscher ausschließlich auf die Untertitel angewiesen, da es in Berlin nur sehr wenige Dolmetscher gibt, die vom Vietnamesischen ins Französische oder Englische direkt übersetzen könnten. Vor allem wenn die Untertitel von geringerer Qualität gegenüber dem Original sind oder die englische und deutsche Fassung voneinander abweichen, häufig bei Gedichten oder Sprachwitzen. Hier hilft wieder nur Sprachgefühl, oder aber ein/eine Dolmetscher/in, der/die z.B. Vietnamesisch versteht und die unklaren Stellen erklärt.

Dolmetscher lesen nicht mechanisch ab, sondern versuchen die Stimmung des Films zu vermitteln, ohne zu übertreiben, da sie nicht den Anspruch haben Schauspieler zu sein - schnelle sprachliche Entscheidungen sind dazu notwendig. Dolmetscher klammern sich nicht an Untertitel - sie müssen in der Lage sein, innerhalb von Sekunden eine gute umgangssprachliche Übersetzung zu finden.

Ein typischer Dolmetscher-Tag bei der Berlinale:

9.00: Pressevorführung - Wettbewerbsfilm (Wettbewerbsfilme in Französisch, Deutsch, Spanisch und Englisch gedolmetscht - bis vor 2 Jahren auch in Russisch)

11.00: Pressekonferenz

13.00: Material zur Vorbereitung aus dem Koordinierungsbüro abholen

14.00: eine von den Sitzungen der internationalen Jury dolmetschen; danach schnell etwas essen und dabei Information über die Spätvorführung durchlesen

19.00: Film dolmetschen

22.00: Film im Panorama und anschließende Diskussion mit dem Regisseur dolmetschen



Recommended citation format:
Helen FERGUSON. "Berlinale". aiic-italia.it February 15, 2000. Accessed July 22, 2019. <http://aiic-italia.it/p/87>.